22. November 2018

Sie sind wieder unterwegs: Die Frau Holle‘s der Neuzeit

Eine fleissige Stieftochter springt in den Brunnen und landet in einer fremden Welt. Dort holt sie das fertig gebackene Brot aus dem Ofen, schüttelt den Baum voller reifer Äpfel und steht schliesslich vor dem Haus der Frau Holle. Bei ihr sollte sie bleiben und die Arbeit im kleinen Häuschen verrichten. «Du musst nur achtgeben, dass du mein Bett gut machst und es fleissig aufschüttelst, dass die Federn fliegen, dann schneit es in der Welt.»

Wie kein anderes Märchen hat sich Frau Holle in unsere Köpfe gebrannt, ich meine eingeschneit. Ich zumindest ertappe mich jedes Jahr aufs Neue, wenn ich sie beim ersten Schneefall bitte, ihre Kissen doch noch etwas länger zu schütteln. Auch bei uns gibt es einige Frau Holle’s. Zumindest sinnbildlich. Tatsächlich lässt sich nämlich unter den 23 Beschneiern in Arosa Lenzerheide keine Frau finden. Warum eigentlich? Auf jeden Fall greifen diese Jungs unserer lieben Frau Holle tatkräftig unter die Arme.

Die Beschneier sind meist die ersten Saisoniers, die im Einsatz stehen. Ab Ende Oktober, spätestens Anfang November geht’s los. Stimmen die äusseren Bedingungen sind sie 24 Stunden unterwegs. In mehreren Schichten, teilweise mit Arbeitsbeginn mitten in der Nacht. Ob das Privatleben da nicht auf der Strecke bleibt, fragte ich Werner Bieg, Chef der Beschneier in Lenzerheide. Der zweifache Vater relativiert: «Bei den Bergbahnen und im Tourismus allgemein gibt es oft unregelmässige Arbeitszeiten. Da sind wir also nicht alleine.»

Rund 660 Schnee-Erzeuger stehen in Arosa Lenzerheide im Einsatz. Am Computer im warmen Betriebsgebäude werden diese überwacht und gesteuert. Luft- und Wassertemperatur, Luftfeuchtigkeit und Windstärke sind dabei die wichtigen Messgrössen. Ein Bürojob ist es aber nicht. In regelmässigen Abständen sind die Beschneier auf Kontrollrunden im Gebiet unterwegs – meist auf dem Quad oder zu Fuss. Kontrolliert wird insbesondere die Schneequalität.

DEN perfekten, technischen Schnee gibt es übrigens nicht. Anfang Saison, wenn die Pisten eingeschneit werden, soll der Schnee möglichst feucht und schwer sein. Das gilt auch für die Beschneiung der Weltcuppiste. Während der Saison, wenn die besten Tage im Jahr anstehen und die Schneedecke dick genug ist, wünschen sich die Beschneier nur noch eines: Trockenen Schnee. Getestet wird das meist von Hand. Denn richtig guter Schnee fühle sich an wie Mehl, sagt Werni, und perlt auf der Jacke ab.

Während dem Gespräch mit ihm wird mir langsam klar, warum sich nur wenige Frauen für diesen Saisonjob entscheiden. Neben dem «Schneefühlen» gilt es allerhand technische Kraftarbeit zu bewältigen. Geplatzte Wasserschläuche müssen repariert werden oder eingefrorene Propeller von Schnee-Erzeuger mit Gasbrenner enteist werden. Und das meist in neblig kalten Winternächten.

Für eine Grundbeschneiung einer Piste müssen rund 100 Stunden aufgewendet werden. Rechnet man die Zeit für die Präparation mit ein, dauert es mindestens fünf Tage bis eine Piste geöffnet werden kann. Vorausgesetzt es wird ununterbrochen beschneit und präpariert. Denn je nach Neigung der Piste ist eine ziemlich dicke Schneeschicht notwendig. Für flache Gleitpassagen genügen 40-50 cm, für Hänge mit einem Gefälle von 30-40% rund 60-70 cm und für besonders steile Passagen braucht es rund 1 Meter. Und hier sprechen wir nicht von Pulverschnee. Die Schneemasse auf der Piste ist um ein Vielfaches komprimiert. Das heisst: für 30 cm Schnee auf der Piste benötigt man rund 1 m Pulverschnee.

Doch wie genau entsteht Schnee? Die meisten von uns gehen wohl von zwei Zutaten aus: Wasser und Temperaturen unter 0°C. Doch wie wir alle selber wissen, fühlen sich -2°C nicht immer an, wie -2°. Schuld daran ist mitunter die Luftfeuchtigkeit. Sie spielt eine wichtige Rolle in der Beschneiung. Fachleute sprechen übrigens von der «Feuchtkugeltemperatur». Eine für mich nicht komplett nachvollziehbare Formel, welche die Lufttemperatur in Verbindung mit eben dieser Luftfeuchtigkeit stellt.

Unsere Schneemacher am Berg müssen somit 4 Elemente im Auge behalten:

•    Lufttemperatur
•    Luftfeuchtigkeit
•    Wind
•    Wassertemperatur

Nur wenn diese in der richtigen Konstellation zusammentreffen, gibt es richtig guten Schnee. Für die optimale Schneeproduktion sollte die Temperatur -7°C oder -8°C liegen. Und idealerweise eine sehr tiefe Luftfeuchtigkeit herrschen. Mit modernen Schnee-Erzeugern kann auch schon ab -2.5°C Schnee produziert werden. Jedoch nicht in gleicher Menge und Qualität wie bei -8°C. Oder wie es Wadi Tschanz, Pisten- und Rettungschef der Arosa Bergbahnen, so schön sagt:

Was unser «Frau Holle Team» und alle anderen Mitarbeiter der Bergbahnen in Arosa Lenzerheide leisten, um uns den perfekten Skitag zu ermöglichen, zeigen wir in unserer Video-Reihe «Das isch Arosa Lenzerheide»

Autor
Marlen Schwarz
Zum Profil
Beruflich sorgt Marlen Schwarz dafür, dass Journalisten aus aller Welt über die Ferienregion Lenzerheide berichten. Sie liebt die Berge. Und den kalten Winter. Im Arosa Lenzerheide Blog schreibt sie über die Erlebnisse am Berg und im Tal und die Menschen, die sie dabei begleitet.
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